Horst Meier / Erwin Miserre

»Nimm nicht zuviel sauerstoff,
lass etwas für die anderen.«

geschrieben von Günther Rothe

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In einem vorweihnachtlichen Brief des Jahres 1976 hatte der Brüsseler Bildhauer Olivier Strebelle die oben zitierte Bitte an seinen Schüler und Mitarbeiter Horst Meier, alias Erwin Miserre, geäußert … und sorgte sich dabei keineswegs um die Zusammensetzung unserer Atemluft.
Es ging ihm um die sphärische Kraft und die schöpferische Energie, die Horst Meier mit seinem wachen Sinn für Kunst und Natur, seinem Verständnis für Form und Proportion, überall aufsog, um sie in Gestalt seiner einzigartigen Plastiken wieder hervorzubringen.
Sein schneller Blick für das Wesentliche, das eine Plastik zum Ausdruck bringen soll, und sein Geschick im Umgang mit den zu formenden Materialien, zeichneten seine künstlerische Meisterschaft aus und erlaubten ihm, seine Formen ohne Vorzeichnungen zu entwickeln.
Als ich ihn 1982 in seinem Atelier in Freudenberg bei Berlin zum ersten Mal traf und seine Modelle und Plastiken betrachten und berühren durfte, war ich unmittelbar ergriffen von ihrer außergewöhnlichen visuellen Sprache, ihrer Sinnlichkeit und Ästhetik.
Horst Meier und ich haben uns auf Anhieb verstanden und deshalb in den kommenden Jahren – zwar sporadisch, aber immer wieder gern – zusammengearbeitet. Erst seine schwere Erkrankung, die ihn zunehmend von der Welt und ihren Menschen entfernte, hinderte uns daran.
Umso mehr war es mir eine Ehre und Verpflichtung, als er mir die Verwaltung seines künstlerischen Erbes und die Ausführung der gusstechnischen Arbeiten zur Fertigstellung seiner im Modell vorhandenen Plastiken antrug. In diesem Katalog sowie in weiteren Publikationen und Ausstellungen werden sie daher erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Dass Meiers Werk bisher weitgehend verborgen blieb, stellt jedoch nach Dr.  Martin Tschechne keinen Mangel, sondern eine echte Stärke dar: »Kein Markt und keine öffentliche Kritik hatten die Gelegenheit, darauf Einfluss zu nehmen, es zu verwässern, zu korrumpieren, es zu zerreden und seine Intensität zu relativieren. Ist das nicht ein ungeheuerliches Privileg für die Kunst?«
In ihrer Gesamtheit bilden die Plastiken ein unverkennbar zusammengehöriges Œuvre und zeigen doch, jede für sich, ihre ganz eigenen Qualitäten, die unsere Phantasie beflügeln und ihre Geheimnisse unserer Entdeckung überlassen. Denn die Bedeutung eines Kunstwerks liegt nicht im Willen seines Schöpfers – oder im Sachverstand von Gelehrten –, sondern in der Vorstellungskraft seiner Betrachter.

 

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1973, Meier in Norwegen